Abschliessende Gedanken

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Machen wir uns nichts vor: Hämongiosarkom ist eine sehr ernste Diagnose.

Wenn man z.B vom Milz-Hämangiosarkom ausgeht, haben Hunde mit nur operativer Milzentfernung eine mittlere Überlebenszeit von 3 Monaten. Bei Hunden, an denen der Krebs im mittleren Stadium (Stadium 3 entspricht einer Grösse von über 5cm oder geplatzt) entdeckt wird, steigt jedoch die mittlere Überlebenszeit auf 6-8 Monate, wenn nach der Operation mit Chemo therapiert wird. Natürlich ist das immer noch kurz, aber signifikant länger als ohne Chemo. Vor allem können diese Hunde bei meist sehr guter Lebensqualität die Zeit während und nach der Therapie verbringen. Tatsächlich zeigen 80% der Hunde auf Chemo keine oder nur milde Nebenwirkungen: einige können vorübergehend weniger Appetit, selten Erbrechen oder Durchfall als Symptome zeigen. Diese Nebenwirkungen kriegen wir medikamentös jedoch gut in den Griff.

Diese Zeit ist für den Hundebesitzer sehr wichtig, denn es gibt ihm die Zeit, sich von seinem Hund zu verabschieden, sich an den Gedanken des Abschieds zu gewöhnen. Für Hundebesitzer sowohl für den Hund kann dies auch emotional eine sehr bereichernde Zeit sein, während der die Bindung zwischen beiden noch enger und stärker wird.

Sind wir dies unseren Hunden nicht schuldig, nach all den schönen Jahren, die sie uns beschert haben?

10% der Hunde können sogar länger als ein Jahr nach der Diagnose überleben. Leider kann man jedoch trotz all den modernsten Untersuchungen nicht voraussagen, welcher Hund zu diesen 10% gehört. Und genau wegen diesen «Ausreissern», würde ich jedem Besitzer nach guter Aufklärung die Chemo-Therapie empfehlen. Leider gibt es auch die «Ausreisser» auch nach unten, die nur einige Wochen überleben nach der Diagnose. Aber diesen Fällen sage ich mir: » Wir haben es wenigstens probiert, dem Hund und Hundebesitzer zusätzliche Qualitäts-Lebenszeit zusammen zu schenken!!»

Ich würde bei meinem Hund nicht einen Moment zögern und sofort Chemo starten. Ich habe mittlerweile 10 Jahre onkologische Erfahrung und zum Glück nur ganz wenigen Hunde wirklich starke Nebenwirkungen verursacht.

Leider werden viele Hunde zum Zeitpunkt des Hämoabdomens (also wenn es zur ersten Blutung z.B. von der Milz in den Bauchraum kommt) eingeschläfert, da Tierärzte immer von der schlechtesten Diagnose ausgehen. Dabei gilt zu bedenken, dass gerade bei kleinen und mittelgrossen Hund - aber auch bei einem bedeutenden Prozentsatz der grossen Rassen - kommen in der Milz Hämatome (innere Blutergüsse) vor, welche eines klinisch identisches Bild zu einem Hämangiosarkom zeigen. Es ist so traurig, dass viele Hunde wegen einer völlig gutartigen Diagnose eingeschläfert werden!

In den aller meisten Fällen geht es nach der Diagnose Hämongiosarkom nicht um die Heilung des Hundes, sondern darum dem Hund durch Therapie und Medikamente ein würdevolles Leben bis zum Tod zu schenken und dem Hundebesitzer Zeit, sich von seinem Hund zu verabschieden.

Irene Flickinger 

Irene Flickinger
Dr. med. vet., Dipl ECVIM Ca (Oncology)
AniCura AOI Center Hünenberg, Switzerland

 

weitere Gedanken

"Was ist der Sinn von Screening, Therapien, Hospizbetreuung? Der Hund wird ja sowieso bald sterben. "

Ich kenne diese hoffnungslosen, trotzigen, störrischen Gefühle und Gedanken zu gut: Es ist unser verzweifeltes Herz, das weint, schreit, kämpft gegen das Schicksal, sich gegen den unausweichlichen Ausgang wehrt: Es ist schwierig, mit dem nahenden Verlust unseres geliebten Freundes fertig zu werden. Ablehnung, Wut, Depression und Verzweiflung sind normale Phasen des schmerzhaften Prozesses hin zur Akzeptanz. (Das Kübler-Ross-Modell, auch bekannt als die fünf Stadien der Trauer: https://en.wikipedia.org/wiki/Kübler-Ross_model)

Als Antwort auf einige dieser hoffnungslosen Leser der Alice-Ribbon-Homepage habe ich Kerstin Piribauer (Autorin, Verlegerin und Hundebesitzerin) gebeten, ihre Gedanken zur Frage "Was ist der Sinn?" zu äußern:

«Die Antwort auf diese Frage ist glasklar:

Es ist die Verantwortung und Fürsorge-Pflicht, die wir für das Leben unseres Hundes übernommen haben, die uns auffordern und eigentlich zwingen, alles zu unternehmen, dem Hund ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Es ist eine Frage der Achtung vor dem Wert des Lebens. Jedes Lebewesen hat ein Recht darauf, sein Leben zu leben - auch in schwierigen Zeiten. Leben ist nicht nur lebenswert, wenn alles rosig, gesund und munter ist. Es bedeutet nicht nur, fröhlich über die grüne Wiese zu hüpfen, sondern auch - und vor allem - die schwierigen Herausforderungen anzunehmen und zu LEBEN - gleichermaßen für Mensch und Hund.

Keinem käme es wohl in den Sinn, die Krankenversicherung für seine Kinder zu kündigen, in der Meinung, dass sie sie im Krankheitsfall sowieso nicht brauchen. "Wir werden sowieso alle bald sterben, also was ist der Sinn davon?" Warum denken wir aber so, wenn es um unsere Hunde geht? Es herrscht oftmals noch das alte und antiquierte anthropozentrische Weltbild, das Wertunterschiede zwischen Mensch und Tier macht. Aber die Naturwissenschaften und Forschung sind gerade in diesem Punkt um Welten weiter fortgeschritten.

Oder auch ganz sachlich ausgedrückt: Ein paar Monate im Leben eines Hundes entsprechen ein paar Jahren im menschlichen Leben - man kann die Lebenszyklen nicht eins zu eins gleichsetzen. Wenn ein Hund ein Jahr nach der Diagnose überlebt, entspricht das 5 bis 7 Menschenjahren! Da sieht die Situation doch ganz anders aus: Tiere haben einen anderen Lebenszyklus.

Natürlich, die Zeit der Hospiz-Pflege kann für manchen Hundebesitzer sehr fordernd sein. Aber die manchmal endlos erscheinenden Reisen von einer Therapiesitzung zur anderen können auch durchaus zu einem sehr schönen, lohnenden und erfüllenden Lebensinhalt für beide werden, die die Bindung zwischen Hund und Mensch noch verstärken! Wie bei allen Dingen im Leben ist es eine Frage der inneren Einstellung und der Organisation, ob wir dieses letzte Stadium unseres gemeinsamen Lebens als "Last" oder "Bereicherung" betrachten. Die Besuche beim Tierarzt, der Klinik und der Therapiesitzungen werden meiner Meinung nach oft viel zu negativ belastet dargestellt. Wenn wir lernen, diese Besuche und Reisen einfach nur als eine andere Art von Aktivität zusammen mit dem Hund zu betrachten, kann man sie durchaus auch genießen und daraus gemeinsame Glücksmomente gewinnen. Betrachten Sie die klinischen Besuche wie Ihre täglichen, wöchentlichen Trainingseinheiten, Spaziergänge oder anderen Highlights, die Sie vor Ihrer Krankheit mit Ihrem Hund unternommen haben. Der Hund wertet die Reisen in die Klinik nicht negativ, für ihn ist es einfach nur eine weitere Aktivität zusammen mit Ihnen.

Versuchen Sie "Husbandry-Training" (http://www.kathysdao.com/articles/husbandry-how-tos/) und verwandelt Sie schwierige Momente zu Spiel und Spaß für Ihren Hund - und für Sie! "

 

Kerstin Piribauer ist Autorin des neu erschienenen Buches "Liebe wirkt Wunder", zum Thema Begleitung von kranken Hunden im Endstasium: